Historisches und Gesellschaftspolitisches zu Tauschringen

allgemein und zur Zeitbörse Kassel e.V.

 

Der erste Tauschring entstand 1983 in Vancouver Island (Kanada). Wegen Mangel an Bargeld entstand nach kurzer Zeit der Tausch in Naturalien. Michael Linton entwickelte eine lokale Währung, den „Green Dollar“ und schuf eine zentrale Stelle, die Angebote und Nachfragen zusammentrug, diese veröffentlichte und die Tauschaktivitäten auf Mitgliederkonten verrechnete. Damit entstand das erste „local employment and trading system“ (LETS)

 

Am 22.01.1995 Gründung der Zeitbörse Kassel von einigen Leuten im Umfeld des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben. Dies waren u.a.: Klaus Reichenbach, Ottmar Miles-Paul (Partei „Die Grünen“), Ross Copeland (Uni, Fachbereich Wirtschaft)

 

Eine Zeit der hohen Arbeitslosigkeit

Viele Menschen waren in die Sozialhilfe abgerutscht. Die Zeitbörse Kassel bot die Möglichkeit zu ökonomischer Selbsthilfe. Auf die Fähigkeiten der Menschen zu bauen, ohne auf ihre Schwächen und Defizite zu schauen, das waren Ziele und Antrieb der Initiatoren. Hierdurch entstand ein guter Kontakt zum Arbeitsamt und zum Sozialamt in Kassel.

Es gelang sogar dem einen oder anderen aufgrund der engagierten Mitarbeit in der Zeitbörse, eine Anstellung zu finden. In den zahlreichen Zeitungsartikeln über die Zeitbörse wurden immer die Namen der Initiatoren bestimmter Aktivitäten genannt, so dass Arbeitgeber auf diese Leute aufmerksam wurden …

 

1999 hatte die Zeitbörse Kassel die meisten Mitglieder: 270

Ein Mitgliederrückgang musste verzeichnet werden, als sich die Baunataler Mitglieder selbständig machten und in Baunatal eine eigene Zeitbörse gründeten in Kooperation mit der Zeitbörse Kassel. Es wurde - wie bei Veränderungen üblich – unruhig, und in der Folge traten viele Mitglieder aus. Außerdem sahen viele ihre Erwartungen nicht erfüllt. Sie hatten nicht den eigenen Antrieb, sich für ihre Utopien und Wünsche stark zu machen.

 

Bundestauschringtreffen
Im April 1997 veranstaltete z.B. die Zeitbörse Kassel das dritte Bundestreffen der Tauschringe, bei dem weit über 200 Tauschringe vertreten waren.

Im September 2003 fand eine Tagung in Kassel statt mit dem Thema "Gesellschaft (mit )verändern - Gesellschaftliche Fachtagung für Tauschsysteme". Veranstalter war die ISL e.V. mit ihrem Projekt "TauschZeit" in Kooperation mit der Zeitbörse Kassel.

 

Im Oktober 2003 fand ein Bundestreffen der Tauschringe in Bad Aibling statt. Ausrichter war der Nachbarschaftsring Bad Aibling.
 

2007 fand das Bundestauschringtreffen (das letzte mit dieser Bezeichnung) erneut in Kassel statt. Veranstalter waren  der Verein zur Förderung von bürgerschaftlichem Engagement e.V. - VzFbE - in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft „Tauschringe im Dialog“, der Zeitbörse Kassel und ca. 7-8 weiteren Tauschringen aus anderen Orten in ganz Deutschland.
 

2007 Vereinsgründung

Die Mitglieder (be-)gründeten Ende 2007 die Zeitbörse Kassel e.V., um mehr Rechtssicherheit zu schaffen..

Die Kooperation mit der Zeitbörse Baunatal besteht nach wie vor und gestaltet sich freundschaftlich und konstruktiv.

 

Die Tauschringe in Deutschland

Dr. Regine Deschle, Rostock: „Die Tauschringe in Deutschland sind - historisch betrachtet - ein junges Pflänzchen im Vorgarten der globalisierten Marktwirtschaft.  -  Noch sind die Ansätze und Auffassungen so verschieden, dass ein Auseinanderbrechen nicht ausgeschlossen ist. Es kann aber auch eine soziale Bewegung entstehen, deren Erfahrungen, Denkweisen und Umgangsformen in viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausstrahlen und in weiterer Zukunft auch Veränderungen bewirken können. Diese Zuversicht basiert auch auf der Kenntnis, dass sich solche Systeme in der ganzen Welt (sei es in Nord- und Südamerika, in Australien, Asien und Europa) etablieren und ausbreiten. Mein Bestreben als involvierte Akteurin und als Betrachterin mit theoretischem Hintergrund ist es, mit viel Geduld und langem Atem diese Entwicklung nach Kräften zu fördern.“

 

„Warum haben Tauschringe eine solche Anziehungskraft?
Die Unzufriedenheit der Menschen waechst, Ausgrenzung und Entsolidarisierung verschaerft sich mit jeder "Reform", Enttaeuschung ueber Politik und Parteien greift um sich … Aus dieser Misere suchen die Menschen Auswege:
* durch aktives Wirken in politischen Bewegungen,
* durch Rueckzug in Nischen,
* durch Aussteigen, Verweigerung,
* durch selbstorganisiertes Handeln jenseits von Markt, Geld und Staat,
* einige suchen einfach nur Moeglichkeiten sinnvoller Betaetigung oder eine Linderung ihrer Not.
Diese verschiedenen Menschen sind in Tauschringen zu finden. Sie kommen mit ganz unterschiedlichen Erwartungen. Einige finden diese im Tauschring nicht erfuellt und treten halt wieder aus. Viele von ihnen haben die Chance ergriffen, hier auf Gleichgesinnte oder mindestens auf offene Ohren zu treffen, um ueber weitere Aus-/Wege, Ziele oder auch ueber Visionen zu debattieren.

 

Was ist das Alternative?
Zunaechst ist es erstmal spannend, einfach ohne Geld (EUR) zu tauschen und selbst ueber die Verrechnungen und Bedingungen zu verhandeln. Noch dazu ist es so einfach, die Zeit zu berechnen, eine Stunde ist eben eine Stunde. Allmaehlich dringt ins Bewusstsein, dass die eigenen bisher gering geachteten Faehigkeiten genau so viel wert sind, wie die vorher hoch eingeschaetzten. Einige entdecken erst ihre Talente oder entwickeln sie weiter, und sie treffen auf Menschen, die gerade diese brauchen. Dabei hatten sie doch ringsum erlebt, dass sie als unnuetz ausrangiert wurden, unbrauchbar fuer die Verwertung auf dem kapitalistischen Markt.

 

Dann taucht die naechste Frage nach Arm und Reich auf:
Wer wird eigentlich reicher im Tauschring? Diejenigen, die ihre Faehigkeiten zum Nutzen anderer zur Verfuegung gestellt haben (Plus auf dem Konto) oder diejenigen, denen
sie Nutzen gebracht haben, die ihre Wuensche erfuellt sehen (Minus auf dem Konto)? Hier beginnt ganz allmaehlich, sehr langsam, ein Umdenken.
Wir haben das uns umgebende System so verinnerlicht, dass es uns schwer faellt, es anders zu sehen, als dass Minus auf dem Konto Schulden (und schlecht) sind, waehrend ein Plus "Reichtum" (und gut) ausdrueckt.
Im Tauschring ist es eben anders: "Reicher" wurden, die etwas bekommen haben, aber eben auch diejenigen, deren Leistungen Anerkennung fanden, also im Grunde beide. …
 

Was ist das Soziale?
Den wichtigsten sozialen Aspekt bei Tauschringen sehe ich darin, dass Menschen erleben und wieder lernen, wie es ist, selbst zu entscheiden und selbst zu handeln, dass sie ihr Selbstbewusstsein entwickeln koennen. … Aber auch im Tauschring gibt es eine grosse Anzahl von denen, die lieber andere fuer sich denken und entscheiden lassen. So ist der Tauschring auch ein Lernfeld, das einen langen Atem braucht.
Oft wird Tauschringen vorgeworfen, sie seien unsozial, weil Tauschen auf Leistung und Gegenleistung beruht. Ist es denn sozial, andere Menschen zu "betutteln" (betreuen) und sie mit unseren Almosen in ihrem Elend und ihrer Abhaengigkeit sitzen zu lassen? Alle Menschen koennen etwas, das sie auch gern tun und das auch anderen nuetzt. Der Tauschring kann dabei helfen, diese Faehigkeiten herauszulocken und bewusst zu machen. Welch ein tolles Gefuehl entsteht, wenn das eigene Tun von anderen gebraucht und anerkannt wird! - ein kleiner Schritt aus der Abhaengigkeit - vielleicht auf einem Weg zu "freien Menschen"!?
 

Und wo bleibt die Existenzsicherung?
Noch (?) ist kein Tauschring dazu in der Lage. Alle Teilnehmenden sind also darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt auf herkoemmliche Weise zu sichern. In materieller Hinsicht kann der Tauschring daher nur als Zugabe dienen, was fuer manche schon sehr viel bedeutet. …

 

Ein Blick ueber den Tellerrand
In einigen Tauschringen wird ab und zu ueber ein "Dahinduempeln" geklagt, der Schwung sei raus, die Aktivitaeten ermueden, in anderen ist von "Machtgerangel" und Streitereien zu hoeren. Gleichzeitig bluehen und gedeihen auch wieder welche, fusionieren, teilen sich oder starten optimistisch neu. So bunt gemischt, wie die Menschen in einem Tauschring, sind auch die Tauschringe oder besser die Personen, die "fuer sie sprechen".
Einige wollen sich bundesweit vernetzen, um die Angebote zu bereichern und auch mit anderen Regionen zu tauschen,
andere wollen lieber die lokale Wirtschaft foerdern oder fuehlen sich in ihrer Nische wohl. Einige wollen Vereinheitlichung mit oder ohne Dachverband, mit gemeinsamen Beschluessen von Delegierten durch Wahlen,
andere wollen ihre Autonomie bewahren, die sie sonst in Gefahr sehen.
Einige wollen das Geld, mindestens den Zins abschaffen,
andere wollen mit Nebenwaehrungen, Regiogeld experimentieren,
noch andere lehnen solche Schritte strikt ab.
Einige wollen in und mit der Kommune das soziale Umfeld verbessern und dazu auch Foerdermittel beanspruchen,
andere wollen jenseits von Markt und Staat auf eine andere Gesellschaft zusteuern.
Wie die Ziele auch immer benannt werden, es geht um Auswege aus dieser deprimierenden Situation in unserer Gesellschaft. Und die Wege, die beschritten werden, sind noch vielfaeltiger als die Ziele. Vieles kann frau/man auch tun, ohne das andere zu lassen - also sowohl als auch? oder?
Entscheidend ist, dass wir etwas tun, dass wir weiter experimentieren und neugierig suchen und ab und zu darueber reflektieren. Das geschieht z.B. … bei den jaehrlich stattfindenden Bundestreffen der Tauschringe. Es gibt mehr Fragen als Antworten - und das ist gut so!
Jede und Jeder hat Utopien, Visionen, ueber die wir an Offenen Tischen und bei Workshops debattieren und auch kontrovers streiten. Immer werden neue Ideen und Sichtweisen eingebracht. Einige fliessen direkt in die Aktivitaeten des Tauschrings ein, andere wandern in unseren Ideenpool und werden spaeter wieder aufgegriffen.
Wo wir eines Tages hin gelangen, ist und bleibt eine offene Frage - auch das ist gut so!“ - So äußert sich Frau
 

Dr. Regine Deschle

(am 21. März 2005 viel zu früh verstorben)
2004 in „Contraste“, Monatszeitung für Selbstorganisation.


Im Tauschringarchiv
(
www.tauschring-archiv.de) und unter vielen anderen Stichwörtern sind im Internet umfangreiche Examensarbeiten und andere Ausarbeiten zu Tauschringen zu finden